Zeugen und Herstellen – Biopolitik und Arbeit in ästhetischen Entwürfen um 1800

Aktuelle Überlegungen zu postfordistischen Arbeitsformen unterstreichen die Verschiebung von Prozessen der Herstellung hin zu Selbstschöpfungsprozessen des Individuums und der Gemeinschaft. Die Arbeit in der postmodernen Informationsgesellschaft zielt weniger auf die Erzeugung von Gütern als vielmehr auf die ‘Produktion des gesellschaftlichen Lebens selbst’ (Hardt/Negri, Empire, 11).

Der Renaissancetopos vom Künstler, der sich im Schaffen als Mensch selbst herstellt, wird aufgegriffen und in die neue Arbeitsanthropologie integriert. Durch diese Integration drohen das Genie und sein Produkt jedoch gleichzeitig von den „negativen Seiten“ dieses Arbeitsprozesses affiziert zu werden. Die technische Seite des Arbeitsdispositivs sowie die mit ihr verbundenen Momente der Zurichtung und Disziplinierung des Körpers, der Fragmentierung und Taktung der Zeit und der Reglementierung des Raums bedrohen das Ideal selbstbestimmter, freier Schöpfung des Kunstwerks durch das Genie.
Um sich von der technischen Seite der Arbeitsanthropologie freizuhalten, ohne den prometheischen Charakter der Werkästhetik einzubüßen, greifen die ästhetischen Diskurse um 1800 vermehrt auf ein biologisch-vitalistische Begriffsfeld der Verlebendigung und Belebung, der Zeugung, der Geburt zurück (Begemann/Wellbery, Kunst – Zeugung – Geburt, Freiburg 2002), mit dem versucht wird, den Herstellungsprozess des Kunstwerks ebenso wie sein Ergebnis und insbesondere den „Autor als Schöpfer“ vom Diktum des „Toten, Gemachten, Technischen und Automatenhaften“ zu befreien.
Die zentrale Schnittstelle zwischen Autonomie- und Genieästhetik auf der einen und Arbeitsanthropologie auf der anderen Seite bilden die Körperdiskurse der Zeit. Die Genieästhetik um 1800 und die mit ihr verbundene Idee der Autonomie des Kunstwerks kann sich als Gegenentwurf zum arbeitsteiligen, disziplinierenden Arbeitsbegriff nur halten, wenn sie den Begriff der Arbeit als Kulturbegriff mit biologischen Metaphern des Lebens amalgamiert, ohne seine produktive Macht einzubüßen. Dies geschieht über das, der Biologie, dem klassischen Kunstwerk und dem modernen Arbeitsdispositiv gemeinsame Interesse am Körper als lebendige, formbare Materie, als Material und Ziel des künstlerischen wie des technischen Herstellungsprozesses.
Im Anschluss an Christian Begemanns These, dass diese Naturalisierung des Herstellungsprozesses des Kunstwerks durch die Metaphorik der Zeugung und der Geburt als antirhetorischer Impuls zu verstehen ist, durch die die Absetzung gegen das Handwerkliche der barocken Rhetoriken gesichert werden soll (Begemann, Der Körper des Autors, in: Detering (Hg.), Autorschaft, Stuttgart 2002), möchte ich untersuchen, auf welche Weisen diese Naturalisierung als Rhetorik des Organischen und des Lebendigen das Tote, Starre und Sterbliche erneut mit in die Konstruktion holt, indem es auf eine rhetorische Verlebendigung des Kunstwerks als poetischem Körper abzielt und auf diese Weise poiesis und techné mit der Vitalität und der Vergänglichkeit des bios verschränkt.
Die Schnittstelle des Körperbildes und seiner Verlebendigung und Formung durch Kunst und Technik soll im Projekt anhand einer Lektüre von Herders und Goethes Beiträgen zur Genieästhetik und zur antiken Plastik untersucht werden. Ziel ist es, den Geniebegriff durch eine Konstellierung im Begriffsfeld von Arbeit/Technik, Kunst und Biologie klarer zu umreißen und die Verbindung von autonomieästhetischen Kreationsmodellen zum technischen Arbeitsbegriff wie zur Biologie aufzuzeigen.
Auf diese Weise soll die strukturelle Mehrfachkodierung der Autonomieästhetik in ihrer Gleichzeitigkeit von Vorbildfunktion für und Gegenentwurf zum neuzeitlichen Begriff der Arbeit bestimmen werden. Die bereits in der Entstehung der modernen Arbeitsanthropologie zu beobachtende Verschränkung von Technik und Biologie, die sich in den Strategien der Biopolitik fortsetzt und ihre bislang letzte Ausprägung in den prometheischen Selbsterzeugungsphantasien der Humanbiologie des 20./21.Jahrhunderts zeigt, findet im freiheitlichen Subjektentwurf der Autonomieästhetik ihr verbindendes Drittes.
Die Analyse der sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts herausbildenden autonomen Werkästhetik verspricht aus dieser Perspektive Aufschlüsse für das in der modernen Arbeitsanthropologie angelegte Verständnis vom Körper als formbares Material, das dem sich in Freiheit selbst setzenden Subjekt gleichermaßen Ziel wie Grenze seines autopoietischen Projektes ist.
Campanile-Relief des Florentiner Doms und zeigt Gott bei der "Arbeit", d.h. bei der Erschaffung Adams.

Das Campanile-Relief des Florentiner Doms zeigt Gott bei der "Arbeit", d.h. bei der Erschaffung Adams.

In dieser biopolitischen Verschiebung der Arbeit hin zur Erzeugung des Lebens sind die immateriellen Produktionsprozesse gekennzeichnet durch Kommunikation, Kooperation und die “Erzeugung und Handhabung von Affekten” (Hardt/Negri, Empire, 304). Der Einzelne wird zu einer immer umfassenderen, alle Lebens- und Arbeitsbereiche umfassenden Ich-Schöpfungsinstanz.

Diese Momente – der Individualisierung, der kommunikativen Vernetzung und der Affektproduktion im Rahmen immaterieller Arbeit – tauchen bereits an prominenter Stelle in den ästhetischen Debatten um 1800 auf. Sowohl in der Genieästhetik (etwa bei Herder und Goethe) als auch in den Programmen zur ästhetischen Erziehung (etwa bei Lessing, Moritz und Schiller) lassen sich Überlegungen finden, die mit der Analyse postfordistischer Arbeitsformen korrespondieren. Hier setzt das Projekt ein, indem es die Merkmale der Genieästhetik und der ästhetischen Bildung unter dem Gesichtspunkt biopolitischer Herstellung analysiert.

Gemeinsames Interesse am Körper als formbare Materie

Die zentrale Schnittstelle zwischen Autonomie- und Genieästhetik auf der einen und Arbeitsanthropologie auf der anderen Seite bilden die Körperdiskurse der Zeit. Die Genieästhetik um 1800 und die mit ihr verbundene Idee der Autonomie des Kunstwerks kann sich als Gegenentwurf zum arbeitsteiligen, disziplinierenden Arbeitsbegriff nur halten, wenn sie den Begriff der Arbeit als Kulturbegriff mit biologischen Metaphern des Lebens amalgamiert, ohne seine produktive Macht einzubüßen (vgl. Begemann/Wellbery, Kunst – Zeugung – Geburt, 2002). Dies geschieht über das, der Biologie, dem klassischen Kunstwerk und dem modernen Arbeitsdispositiv gemeinsame Interesse am Körper als lebendige, formbare Materie, als Material und Ziel des künstlerischen wie des technischen Herstellungsprozesses.

Ziel ist es, den Geniebegriff durch eine Konstellierung im Begriffsfeld von Arbeit/Technik, Kunst und Biologie klarer zu umreißen.

Im Anschluss an Christian Begemanns These, dass diese Naturalisierung des Herstellungsprozesses des Kunstwerks durch die Metaphorik der Zeugung und der Geburt als antirhetorischer Impuls zu verstehen ist, durch die die Absetzung gegen das Handwerkliche der barocken Rhetoriken gesichert werden soll (Begemann, Der Körper des Autors, in: Detering (Hg.), Autorschaft, Stuttgart 2002), möchte ich untersuchen, auf welche Weisen diese Naturalisierung als Rhetorik des Organischen an der von Foucault analysierten “Schaffung einer zweiten Natur” mitwirkt. Diese Erschaffung einer zweiten Natur durch die Kunst umfaßt a) das Verhältnis von Prokreation und Technik im ‘genialen Schöpfungsprozeß’, b) die Psychologisierung der phantasia als Verinnerlichung und Entmaterialisierung des Herstellungsprozesses und c) die Überlegungen zur Verknüpfung von Affekt und Bildung in ästhetischen Bildungs- und Erziehungsprojekten der Zeit.

Die Analyse der sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts herausbildenden autonomen Werkästhetik verspricht aus dieser Perspektive Aufschlüsse für das in der modernen Arbeitsanthropologie angelegte Verständnis vom Körper als formbares Material, das dem sich in Freiheit selbst setzenden Subjekt gleichermaßen Ziel wie Grenze seines autopoietischen Projektes ist.