Stärker als der Ruf nach Aufarbeitung der Vergangenheit war der nach einem Neuanfang, der sowohl personell als auch künstlerisch einen Bruch mit dem Nationalsozialismus markieren sollte. Dieser selbst geschaffene Mythos einer „Stunde Null“ ist angesichts der inzwischen aktenkundigen Ausgrenzung von Emigranten und Exilanten und der zunehmenden Aufdeckung personeller Kontinuitäten obsolet geworden. Schon die prägenden Schlagwörter „Kahlschlag“ und „Trümmerliteratur“ bezeugten allerdings, wie wenig die neue Generation dem militärisch-martialischen Jargon entwachsen war. Auch der Umgang mit der Schuld, so bereits zeitgenössische Diagnosen, hatte oft eher einen (auto-)destruktiven als einen sozial-konstruktiven Charakter. Von „Verleugnungsarbeit“ statt „Trauerarbeit“ war die Rede (A. u. M. Mitscherlich), von einem „Wegwischen“ der Erinnerung anstelle eines Bemühens um „helles Bewusstsein“ (Adorno).
Umgang der deutschen Nachkriegliteratur mit dem Wissen um die nationalsozialistischen Verbrechen
Das Teilprojekt sucht den Umgang der deutschen Nachkriegliteratur mit dem Wissen um die nationalsozialistischen Verbrechen insofern unter dem Begriff der Arbeit zu fassen, als dieser sowohl für das unvollständig eingelöste Desiderat als auch für die Performanz dessen, was geleistet oder immerhin angestrebt wurde, in Anschlag zu bringen ist. Die seit 1800 verbürgte semantische Nähe zum Begriff der Bildung und Erziehung sowie zur künstlerischen Selbstermächtigung öffnet überdies die Perspektive auf das ambivalente Verhältnis zum Reeducation-Projekt der Alliierten. Wenn beispielsweise Alfred Andersch gegen die „sogenannte Rück-Erziehung“ den „originalen Schöpfungsakt“ des neuen Schriftstellers setzt, so sind beide Begriffe letztlich dem Diskursfeld der Arbeit entlehnt.
Berücksichtigt wird demnach die psychoanalytische Dimension des Arbeitsbegriffs (Aufarbeiten, Durcharbeiten vs. Verdrängen, Verleugnen), aber auch dessen klassisches Erbe (Umerziehung, Reeducation vs. Neuaufaubau, Schöpfung). Einen dritten Bezugspunkt stellt die ideologische Inanspruchnahme des Arbeitsbegriffs im nationalsozialistischen System und dessen mögliche Umbesetzung in der Nachkriegsliteratur dar.





