Ausgehend von der Beobachtung einer zunehmenden – und letztlich hypertrophen – Ausbreitung von Prüfungstechniken in allen Ausbildungs- und Arbeitsfeldern verfolgt mein Teilprojekt eine systematische (I) und eine historische Hypothese (II).
(I) Die systematische Hypothese lautet, dass Arbeit und Prüfung einander nicht äußerlich sind, sondern Arbeit wesentlich ein Moment der Bewährung eignet. Das gilt zumindest, wenn man denjenigen philosophischen Bestimmungen des Arbeitsbegriffs folgt, die von Hegels Phänomenologie des Geistes ausgehen. Zentral für diese Bestimmungen ist ein Begriff der Entäußerung, der bei Hegel selbst aufs engste mit dem Prozess der Prüfung und Bewährung verbunden ist, der den gesamten Gang der Phänomenologie trägt. Arbeit erscheint hier als ein möglicher Modus eines Prozesses der Entäußerung, in dem sich die von Hegel so genannten „Bewusstseine“ der Widersetzlichkeit der Dinge und dem Urteil der Anderen aussetzen. Sich „entäußern“ bedeutet dabei immer auch, „sich von dieser und jener Seite zeigen“, „sich darstellen“. Das erlaubt einerseits, Arbeit als eine spezifische Form kollektiver Erfahrung zu begreifen, und es erklärt andererseits, weshalb sich Arbeit an die unterschiedlichsten Prüfungstechniken anschließen lässt, wie Hegel sie zum Beispiel in den Praktiken der protestantischen Frömmigkeit findet (und kritisiert).
(II) Die historische These lautet, dass sich einige Eigenarten derjenigen Rechtfertigungsordnung, die Luc Boltanski und Ève Chiapello als „neuen Geist des Kapitalismus“ bezeichnen, besonders deutlich an den neuen Prüfungstechniken ablesen lassen, die diese Ordnung bestimmen, dass die Ursprünge dieser Techniken aber keineswegs neu sind, sondern sich bis auf den ästhetisch-politischen Diskurs um 1800 zurückverfolgen lassen.
Nach Boltanski und Chiapello bewähren sich Akteure in dem von ihnen so genannten „konnexionistischen Kapitalismus“ vor allem durch die Fähigkeit, Menschen kennenzulernen, Kontakte zu pflegen und dieses soziale Kapital beim Wechsel zwischen unterschiedlichen Projekten erfolgreich einzusetzen. Eine der wichtigsten Bewährungsproben – épreuves – in der entsprechend strukturierten Arbeitswelt sehen sie daher im Wechsel zwischen verschiedenen Projekten. Eva Illouz fügt dieser Analyse den wichtigen Hinweis auf die „emotionale Kompetenz“ hinzu, die in immer mehr Berufsfeldern den Zugang zu Stellen und Projekten regelt (vgl. Die Errettung der modernen Seele).
Betrachtet man vor diesem Hintergrund einen Text wie Friedrich Schillers Briefe über ästhetische Erziehung, so findet man einerseits eine harsche Kritik der politischen und ökonomischen Verhältnisse um 1800 (die zuweilen als eine Art marxistischer Entfremdungskritik avant la lettre verstanden wurde) und andererseits ein ästhetisch-politische Befreiungsprogramm, das unmittelbar dem „konnexionistischen Kapitalismus“ vorzuarbeiten scheint. Denn Schiller schlägt vor, beim „Empfindungsvermögen“ anzusetzen, um den Großteil der Menschen, der schlicht zu „ermüdet und abgespannt“ ist, um sich aufklären zu lassen, den Regeln einer freien „Geselligkeit“ zu öffnen.
Meine Hypothese lautet, dass sich Versatzstücke solcher ästhetisch-politischer Programme in den Rechtfertigungsmustern des geselligen Kapitalismus finden, für den eine zunehmende Verwischung der Grenze zwischen beruflicher und privater Kommunikation, die Forderung, sich als „ganze Person“ einzubringen und bestimmte Techniken des Gefühlsmanagements besonders charakteristisch sind. Darüber hinaus ist Schillers Konzeption anschlussfähig für eine Umstrukturierung von Prüfungsformaten, die sich als Umstellung vom Modell des Examens auf das der „Übung“ (Foucault) oder des „Trainings“ (Kittsteiner) beschreiben lässt. Diese Umstrukturierung ist eine entscheidende Voraussetzung für die Ausbreitung von Prüfungstechniken in alle Etappen und Bereiche von Ausbildungs- und Arbeitszusammenhängen.
(III) Bestätigen sich die Hypothesen I und II, so lassen sich Hegels Überlegungen zur Entäußerung mitunter als vorgreifende Kritik am geselligen Kapitalismus lesen. Denn die Polemik gegen vorgreifende Verhaltenskontrolle und pietistisches Gefühlsmanagement, die sich in seinen frühen Schriften findet, geht ungebremst auch in den Argumentationsgang der Phänomenologie ein. Zunächst müssen sich aber die Hypothesen I und II bewähren.





