Schauspiel-Arbeit

Unter den zahlreichen Figuren, mit denen der Mensch der Moderne sich selbst zu definieren versucht, sind vielleicht die einflußreichsten der Arbeiter und der Schauspieler.

Indem er arbeitet, kann der „Bürger“ dem untätigen Adel entgegentreten, durch die Arbeit kann er sich – so paradigmatisch bei Locke – die Dinge aneignen und sein „Naturrecht“ an ihnen behaupten. Doch ist dieses „Naturrecht“ vor allem ein Recht auf Denaturalisierung; die moderne „Arbeit“ verändert die Dinge und die Welt unabsehbar.

Sie verändert auch den Menschen: Seine Natur wird es nunmehr sein, keine Natur zu haben. Die Figur dieser Un-Natur ist eben der Schauspieler: In ihm zeigt sich, so bei Diderot, daß der moderne Mensch fähig zur ständigen Permutation ist und als Wesen erscheint, das alles werden kann, weil es substanziell nichts ist (P. Lacoue-Labarthe). Die Ausgangsthese des geplanten Projekts lautet somit, daß das Entstehen der spezifisch modernen „Arbeit“ und eines spezifisch modernen Schauspielens voneinander untrennbar sind. Mehr noch: Im Schauspieler wird der neue Mensch experimentiert, der sich durch eine neue Form von Arbeit definiert.

Denn „Arbeit“ wird in der Moderne zu einer allumfassenden und unendlichen Tätigkeit, die nur noch im Zusammenhang einer universellen Kreditökonomie verstanden werden kann. Durch Arbeit bringt „der Mensch“ sich als unvollkommen und unendlich wandelbar selbst hervor. Dabei arbeitet er zugleich und wesentlich einen Kredit auf seine Zukunft ab, den er nie in Gänze wird tilgen können. In der modernen Arbeit ist also letztlich ein Akt des Glaubens zu sehen, da sie auf einen Kredit bezogen ist. Arbeit dient in der Moderne ökonomisch stets der vermehrten Rückzahlung eines Kredits, der auf sie gegeben wurde – des eingesetzten Kapitals –, und anthropologisch der Hervorbringung eines neuen Menschen, an dessen Zukunft einzig geglaubt werden kann und dessen Ideal dem gegenwärtigen Menschen die Forderung auferlegt, sich für die unendliche Permutation und Transfiguration stets offen zu halten.

Im Schauspieler aber wird dieser neue, unendlich wandelbare Mensch, der sich durch eine neuartige Art von kreditförmiger „Arbeit“ definiert, experimentiert. Der Schauspieler tritt als Medium einer unendlichen Verwandelbarkeit ins Zentrum eines neuen Theaters, das nicht mehr repräsentativ sein kann. Denn der Schauspieler des 19. Jahrhunderts repräsentiert nicht – keine Leidenschaften, keine Affekte, keine politische Macht. Er überträgt. Das Projekt untersucht die Verbindungen von Arbeit, Kreditökonomie, Glauben und Schauspiel in einem Zeitraum zwischen Diderot und den historischen Avantgarden.

Kurzbibliographie

  • Lacoue-Labarthe, Philippe: L‘imitation des modernes, Paris: Galilée 1986
  • –: Poetique de l‘histoire, Paris: Galilée 2002
  • Martersteig, Max: Der Schauspieler. Ein künstlerisches Problem, Leipzig: Diederichs 1900
  • Stanislawski, Konstantin: Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst, 2 Bde. Berlin: Henschelverlag Kunst und Gesellschaft 1963
  • Vogl, Joseph: Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen, Zürich, Berlin: diaphanes 2008