Material Ghosts. Filmische Ontologien und Spektrologien der Arbeit

Seit seinem Beginn unterhält das Kino eine ambivalente Affinität zur körperlichen, materiellen Arbeit. Arbeiter, die die Fabrik verlassen, und Bilder der Arbeit sind erste, archetypische Kinobilder.

Schon vor La sortie des usines Lumière à Lyon von 1895, dem Auszug aus der Fabrik der Brüder Lumière, ist die Vorbereitung und Entstehung der Kinematographie an eine visuelle Anthropologie der Arbeitsprozesse gekoppelt: etwa in Etienne-Jules Mareys bewegungsphotographischen Studien, die ihren Nutzen insbesondere auch in der Optimierung von Arbeitseffizienz, der Begründung und visuellen Fundierung einer Arbeitswissenschaft haben sollten.
Filmbilder, dokumentarische, avantgardistische und neorealistische zumal, werden bewegt von Arbeit, von ihrer Körperlichkeit, ihren Serialitäten, Kollektivierungen; gleichzeitig wirkt das narrative Kino, wirkt die ‚Traumfabrik‘ aber auch mit an der Austreibung der Arbeit aus den kollektiven Bildrepertoires. Wie Harun Farocki in Arbeiter verlassen die Fabrik (D 1995) gezeigt hat, steht Arbeit im Film, von Anfang an, gleichsam mit dem Auszug der Arbeiter aus der Fabrik, unter dem Vorzeichen einer Verdrängung, eines Verschwindens.
Mit einem postulierten Aussterben der materiellen Arbeit, dem Workingman’s Death, wie ihn Michael Glawogger in seinem gleichnamigen Dokumentarfilm (AT/D 2005) über globale Stätten körperlicher Schwerstarbeit gleichzeitig annonciert, betrauert und monumentalisiert, wird dieses Verhältnis zwischen Arbeit und Kino auf eine Latenzebene übertragen, das Kino wird als Bildraum immaterieller, nicht unmittelbar Bewegungsbild affiner Arbeit gleichsam zum Schauplatz von Untoten, von Gespenster-Arbeit. Das Teilprojekt, das im größeren Zusammenhang einer Studie zur Konfiguration von Gespenstern, Politik, Historiographie und Medientechnik im Gegenwartskino und der Gegenwartsliteratur steht, untersucht, wie diese spekulative Fassung von Transformationen der Arbeit in zeitgenössischen Filmen thetischen, bild- und narrationsstiftenden Charakter bekommt, wie sich – gegenüber einer filmischen Ontologie der Arbeit, d. h. einer dem Bild der materiellen Arbeit verhafteten Kinematographie, – ein ‚spectral materialism‘ (Eric Santner), filmische Spektrologien der Arbeit formieren.
Im Ausgang von Harun Farockis Filmen zur Schnittstelle von (Kino-)Bildern der Arbeit und Medientechniken der Generierung operativer Bilder sollen einige für diese diskursiven Formationen paradigmatische Filme analysiert und historisiert werden, vor allem im Hinblick auf ihre Fassungen einer visuellen Anthropologie der Arbeit: Einerseits sind dies Filme aus den (Neo-)Neorealismen des gegenwärtigen Weltkinos, deren Bilder und Körper von einer materiellen Arbeit unter Transformationsdruck dynamisiert werden, etwa die Filme des chinesischen Regisseurs Jia Zhang-ke oder der Gebrüder Dardenne; andererseits Filme, die subtile filmästhetische Verschränkungen neorealistischer und materialistischer Verfahren mit Logiken des (Horror- und Noir-)Genres vornehmen, wie das Kino der infamen Menschen des portugiesischen Regisseurs Pedro Costa, Laurent Cantets Postfordismus-Noir L’emploi du temps (F 2001) und die Filme Christian Petzolds, vor allem Yella (D 2007), der als ein hybrides Doppel-Remake die Struktur des Horrorfilms Carnival of Souls (Regie: Herk Harvey; USA 1962) mit Harun Farockis Venture Kapital-Dokumentarfilm Nicht ohne Risiko (D 2004) kreuzt.
Daniel Eschkötter, Literatur- und Filmwissenschaftler, derzeit Promotionsstipendiat am Graduiertenkolleg Mediale Historiographien an der Bauhaus-Universität Weimar, arbeitet, schreibt, forscht u. a. zu Konfigurationen von Geopolitik und Rhetorik, zu politischen Spektrologien, zu alten und neuen Filmen.
http://www.mediale-historiographien.de/projekte/eschkoetter.html
Links:
http://www.cargo-film.de/
http://newfilmkritik.de/
Arbeiter verlassen die Fabrik (Regie: Harun Farocki; D 1995)

La Sortie de l'usine Lumière à Lyon (1895) / Arbeiter verlassen die Fabrik (Regie: Harun Farocki; D 1995)

Schon vor La sortie des usines Lumière à Lyon von 1895, dem Auszug aus der Fabrik der Brüder Lumière, ist die Vorbereitung und Entstehung der Kinematographie an eine visuelle Anthropologie der Arbeitsprozesse gekoppelt: etwa in Etienne-Jules Mareys bewegungsphotographischen Studien, die ihren Nutzen insbesondere auch in der Optimierung von Arbeitseffizienz, der Begründung und visuellen Fundierung einer Arbeitswissenschaft haben sollten.

Filmbilder, dokumentarische, avantgardistische und neorealistische zumal, werden bewegt von Arbeit, von ihrer Körperlichkeit, ihren Serialitäten, Kollektivierungen; gleichzeitig wirkt das narrative Kino, wirkt die ‚Traumfabrik‘ aber auch mit an der Austreibung der Arbeit aus den kollektiven Bildrepertoires. Wie Harun Farocki in Arbeiter verlassen die Fabrik (D 1995) gezeigt hat, steht Arbeit im Film, von Anfang an, gleichsam mit dem Auszug der Arbeiter aus der Fabrik, unter dem Vorzeichen einer Verdrängung, eines Verschwindens.

Workingman’s Death

Le fils (Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne; Frankreich/Belgien 2002)

Le fils (Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne; Frankreich/Belgien 2002)

Mit einem postulierten Aussterben der materiellen Arbeit, dem Workingman’s Death, wie ihn Michael Glawogger in seinem gleichnamigen Dokumentarfilm (AT/D 2005) über globale Stätten körperlicher Schwerstarbeit gleichzeitig annonciert, betrauert und monumentalisiert, wird dieses Verhältnis zwischen Arbeit und Kino auf eine Latenzebene übertragen, das Kino wird als Bildraum immaterieller, nicht unmittelbar Bewegungsbild affiner Arbeit gleichsam zum Schauplatz von Untoten, von Gespenster-Arbeit. Das Teilprojekt, das im größeren Zusammenhang einer Studie zur Konfiguration von Gespenstern, Politik, Historiographie und Medientechnik im Gegenwartskino und der Gegenwartsliteratur steht, untersucht, wie diese spekulative Fassung von Transformationen der Arbeit in zeitgenössischen Filmen thetischen, bild- und narrationsstiftenden Charakter bekommt, wie sich – gegenüber einer filmischen Ontologie der Arbeit, d. h. einer dem Bild der materiellen Arbeit verhafteten Kinematographie, – ein ‚spectral materialism‘ (Eric Santner), filmische Spektrologien der Arbeit formieren.

Filmische Fassungen einer Anthropologie der Arbeit

Immateriell_2-220

Yella (Regie: Christian Petzold, D 2007)

Im Ausgang von Harun Farockis Filmen zur Schnittstelle von (Kino-)Bildern der Arbeit und Medientechniken der Generierung operativer Bilder sollen einige für diese diskursiven Formationen paradigmatische Filme analysiert und historisiert werden, vor allem im Hinblick auf ihre Fassungen einer visuellen Anthropologie der Arbeit: Einerseits sind dies Filme aus den (Neo-)Neorealismen des gegenwärtigen Weltkinos, deren Bilder und Körper von einer materiellen Arbeit unter Transformationsdruck dynamisiert werden, etwa die Filme des chinesischen Regisseurs Jia Zhang-ke oder der Gebrüder Dardenne; andererseits Filme, die subtile filmästhetische Verschränkungen neorealistischer und materialistischer Verfahren mit Logiken des (Horror- und Noir-)Genres vornehmen, wie das Kino der infamen Menschen des portugiesischen Regisseurs Pedro Costa, Laurent Cantets Postfordismus-Noir L’emploi du temps (F 2001) und die Filme Christian Petzolds, vor allem Yella (D 2007), der als ein hybrides Doppel-Remake die Struktur des Horrorfilms Carnival of Souls (Regie: Herk Harvey; USA 1962) mit Harun Farockis Venture Kapital-Dokumentarfilm Nicht ohne Risiko (D 2004) kreuzt.